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Geschichtsbilder, der Begriff der „Aufklärung“ und die Kleriker

Das in Schweden ansässige Online-Magazin Bahro Suryoyo veröffentlichte am 16.12.2009 ein auf den 18.11.2009 datiertes Schreiben, in welchem der Erzbischof der syrisch-orthodoxen Diözese im türkischen Adiyaman, Malki Ürek, sich an vier österreichische Parlamentarier wendet und diese auffordert, in ihrer Motion bezüglich des Klosters Mor Gabriel die Bezeichnung „Assyrer“ mit „Aramäer“ zu ersetzen. Von der Redaktion des Bahro Suryoyo wurde Üreks Schreiben mit dem Verb „upplyser“ (schwedisch für „aufklären“) tituliert. Der Vorgang seinerseits weckt Fragen journalistischer, geschichtswissenschaftlicher sowie politischer Natur.


Geschichtsbilder, der Begriff der „Aufklärung“ und die Kleriker

Journalistisch gesehen kann die Arbeit der oben genannten Redaktion allenfalls als „dürftig“ bewertet werden. Weder der deutsche Originaltext noch dessen schwedische Übersetzung scheinen sprachlich oder inhaltlich auf ihre Korrektheit überprüft worden zu sein. Daher verbleiben wenigstens zehn sprachlich-grammatikalische Fehler in der Originalversion sowie zumindest acht fehlerhafte Übersetzungen (so wird beispielsweise das deutsche „19.Jh.“ fälschlicherweise mit 1900-talet (=20. Jh.) ins Schwedische übersetzt) unkommentiert.

Im Hinblick auf das geschichtswissenschaftliche Element des bischöflichen Schreibens, stellt das von der Redaktion als „aufklärend“ bezeichnete Schriftstück eher ein Musterbeispiel historiographischer Inkompetenz oder, bei strengerer Bewertung, des Geschichtsrevisionismus dar. So führt Ürek in seinem Schreiben unter anderem an, dass die Bezeichnung Assyrer „erfunden“ und „seit dem 19.Jh. entstanden“ sei. Weiterhin wird konstatiert, dass „die Assyrer nach ihrem Niedergang im 6.Jh. vor Christus von der Erdfläche verschwunden“ seien.1

An dieser Stelle soll in, kurz gefasster Form, die Substanz der drei genannten Behauptungen in Frage gestellt werden. Dies geschieht mit Verweis auf die in der internationalen Forschung geführte Debatte zu geschichtlichem Hintergrund und Anwendung der Bezeichnung „Assyrer“ an welcher sich Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen über einen langen Zeitraum hinweg beteiligt haben.

Dass die Assyrer keineswegs „von der Erdfläche verschwunden“ sind, sondern nach dem Fall des antiken assyrischen Reiches in ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten als Untertanen neuer Machthaber fortexistierten, wird in mehreren bedeutenden Studien renommierter Gelehrter wie Saggs2, Roux3, Parpola4 und Fiey5 festgehalten. Die Aussage, nach welcher die assyrische Namensgebung „erfunden“ und „seit dem 19.Jh. entstanden“ sei, soll hier mit zwei historischen Beispielen kontrastiert werden: J.M. Fiey verweist auf die Benutzung der Bezeichnung „Assyrer“ seitens des Schriftstellers Simeon Beth Arsham im 6. Jh. n.Chr6; ein knappes Jahrtausend später, am 3.11.1612, kritisiert Papst Paul V. (1552-1621) in einem Schreiben den Shah Persiens, Abbas I. (1571-1629), für dessen ungerechte Behandlung „jene[r], welche Assyrer oder Jakobiten genannt werden und in Isfahan leben, werden gezwungen sein, ihre eigenen Kinder zu verkaufen, um die von Ihnen auferlegte Steuerlast bewältigen zu können“ [eigene Unterstreichung].7 Für den Zeitraum zwischen den beiden Beispielen kann auf eine Vielzahl weiterer Exempel verwiesen werden.

 

Abgesehen von der berechtigten Frage, wer im Laufe der Jahrhunderte aus welchem Anlass mit dem Term „Assyrer“ bezeichnet worden ist, kann geschlussfolgert werden, dass die Thesen Üreks nicht haltbar sind: die Bezeichnung „Assyrer“ ist weder „erfunden“ noch „im 19.Jh. entstanden“.8

Dem ungeachtet entschied sich Bahro Suryoyo dafür, Üreks Schreiben als ”Aufklärung” der österreichischen Parlamentarier zu beschreiben. In offensichtlicher Entzückung über die bischöfliche Zustimmung des eigenen Geschichtsbildes, entgehen der Redaktion hier zwei bedeutsame Implikationen des beschriebenen Vorgangs: Bischof Ürek verstößt aktiv gegen den Synodalbeschloss der eigenen Kirche aus dem Jahre 1982 in welchem die Termini „Assyrer“ und „Aramäer“ abgelehnt wurden; sein Vorgehen untergräbt des Weiteren den legitimen Anspruch der (unter anderem syrisch-aramäischen) zivilgesellschaftlichen Organisationen auf die politische Repräsentation des Volkes.

 


Aryo Makko, M.A.
Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Stockholm.

 


Original mit Quellenangabe(Fussnoten) als PDF: DOWNLOAD

 Schreiben von Mor Grigorius Hasyo Malke Ürek als PDF: DOWNLOAD


 

  
Kommentare
Möchtegerne Assyrer
Ihr "ASSYRER" verträgt die Wahrheit nicht!
01-01-2010, 07:23:22 | bargiddo


DruckenDrucken | 23-12-2009, 18:54:00 | Admin

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