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Die Rolle der Syrisch-Orthodoxen Kirche im Seyfo 1915

Aufgrund der Schrift von Augin Kurt „The secret payment of Patriarch Elias Shaker for denying the Assyrian genocide Seyfo“ wird in der folgenden Schrift versucht, eine Antwort auf den genannten Artikel und den Äußerungen von Jan Bet-Sawoce in einer TV-Sendung auf Roj TV zu geben über die Rolle bzw. das Verhalten der Syrisch-Orthodoxen Kirche, besonders des Patriarchen Ignatius Elias III Shakir im 1. Weltkrieg. Die Inhalte und Thesen, die Jan Bet-Sawoce, aufgrund von neuen Dokumenten stellt und die Augin Kurt in der genannten Schrift aufnimmt, sind in zwei Punkten zusammengefasst:


Die Rolle der Syrisch-Orthodoxen Kirche im Seyfo 1915

1.Im Jahre 1892 konvertierten etwa 300.000 syrisch-orthodoxe Christen aus Afghanistan zum Islam, wegen der Rivalität zwischen dem schismatischen Patriarch von Turabdin in Salah, dem angeblich diese 300.000 Christen unterstanden, und dem rechtmäßigen syrisch-orthodoxen Patriarchen in Mardin.
2.Patriarch Elias III soll vom jungtürkischen Regime monatlich 5.000 Kurush erhalten haben, damit er sich für den Verbleib der Stammgebiete der syrischen Christen in der Türkei einsetzt und sich gegen die französischen Interessen stellt.[1]

Autor Augin Kurt hebt in seiner formal undurchsichtigen Schrift vor, dass neue Dokumente aufgetaucht sind, die das Verhalten des Patriarchen in dem beschriebenen Licht darstellen, aber diese Dokumente noch nicht komplett analysiert worden sind und aus diesen Versatzstücken heraus Jan Bet-Sawoce seine These ableitet.[2] Weiterhin berücksichtigt der Autor nicht bekannte Dokumente, wie das vom damaligen Bischof und späteren Patriarch Mor Ignatius Ephrem Barsoum verfasste Memorandum, dass in der vorliegenden Schrift an später Stelle zitiert werden wird.
Augin Kurt versucht Jan Bet-Sawoces Thesen zu stützen, aber nicht etwa mit neuen Erkenntnissen oder stichhaltigen Argumenten, sondern mit Hintergrundinformationen zu Ereignissen, die mit der eigentlichen Thematik wenig bzw. nicht zu tun haben, wie z.B. das Schisma zwischen Mardin und Salah um 1364 und die Vorfälle in Lodz.[3]

Von den formalen Dingen her, wird nun auf inhaltlicher Ebene eingegangen.
Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass die syrische Kirche, wie auch die koptische Kirche, aufgrund massiver Verfolgungen und Unterdrückungen sowie durch die verschiedenen Pogrome der Heiden in der Spätantike, als eine Kirche mit einer großen Anzahl von Märtyrern gilt und, aufgrund den Ereignissen in der Neuzeit, wie etwa den Völkermord an den syrischen Christen 1915, die Massaker in Amid (heute: Diyarbakir) 1895 und Adana 1909, auch in der Moderne eine hohe Anzahl von Märtyrern aufweisen kann.[4]

Im Folgenden wird das Verhältnis der Kirche auf regionaler Ebene untersucht, um anschließend die politischen Forderungen bzw. die Aktivitäten der Kirche weltpolitisch darzustellen. Zunächst stellt sich die Frage, an welchen Orten konnten sich, wenn überhaupt möglich, syrische Christen 1915 in Sicherheit bringen oder sich wehren ?
Iwardo, Bote, Bsorino, Azech und viele andere Orten zeigen, dass es größtenteils die Kirchengebäude waren, die als Festung und Schutzmauer gedient haben.[5]
Neben den Gebäuden, die als sichere Festung gedient haben, haben auch die kirchlichen Amtsträger, gemäß ihrer Aufgabe, eine wichtige Rolle gespielt. Von den unzähligen Beispielen ist vor allem das Verhalten des damaligen Bischofs von Iwardo Mor Philoxenus Abdulahad Mase aus dem Dorf Kafro Elayto hervorzuheben, der im hohen Alter, bei einer Versammlung vor allen syrischen Christen zu einer bewaffneten Gegenwehr eindringlich aufgefordert haben soll, mit den Worten:“Der Herr möge euer Helfer sein und euch vor dem Feuer schützen! Von Gott erfleh´ ich, dass die Feinde zu Rauch verwehen.“[6]
Aber nicht nur inmitten des Krieges, sondern auch nach dem Völkermord hat die Kirche ihre Aufgabe, so gut es ging, erfüllt, wobei vor allem Geistliche zu erwähnen sind, wie z. B. Mor Timotheus Tuma Arnasoyo oder Churoyo Abdallah aus Midyat, die sich um die Waisen gekümmert haben.
Gleichzeitig sei auch auf das Massaker in Adana 1909 verwiesen, wo durch finanzielle Unterstützung von Xaleco Aga, Saado Aga und dem Bruder des damaligen Jerusalemer Bischofs Yacoub Salhoyo, Garabed Salhy (auch Gabro Salhoyo genannt) die „Beth Yatme d´Othuroye“, das assyrische Waisenhaus (heute: Taw-Mim Semkadh in Beirut, Libanon) gegründet wurde.[7]
War es nicht der spätere Bischof von Mardin, Mor Philoxenus Yuhanun Dolabani, der die Waisen zu nationalen Leitfiguren ausgebildet hat, die der (as)syrischen Nation das Gefühl eine Nation zu sein, wiedergab?
Aus diesen Argumenten und Beispielen wird ersichtlich, dass die Syrisch-Orthodoxe Kirche, weder ihre Mauern noch ihre kirchlichen Amtsträger, mit der türkischer Regierung kollaboriert hat. Daher wird nun auf die weltpolitischen Tätigkeiten der Syrisch-Orthodoxen Kirche in dieser Zeit eingegangen.
Im Jahre 1920 schrieb der damalige Bischof und spätere Patriarch Ephrem Barsoum im Namen des Patriarchen zwei Briefe an die Teilnehmer der Pariser Konferenz. In einem Brief, dem Memorandum, forderte der Bischof Folgendes:

„Wir beehren uns, der FRIEDENSKONFERENZ zur Kenntnis zu geben, dass S. Heiligkeit der Syrische Patriarch von Antiochien [Patriarch Mor Ignatius Elias Shakir, Anm. d. Verf.] mich mit der Aufgabe betraut hat, der Konferenz die erlittenen Verfolgungen und die Wünsche unserer alten assyrischen Nation, die überwiegend am oberen Tigris und Euphrat in Mesopotamien lebt, vorzulegen.“[8]

Schon mit der Einleitung wird deutlich, dass das Memorandum des Bischofs und die Vorwürfe, die Jan Bet-Sawoce gegen Patriarch Elias Shakir erhebt, nicht miteinander kompatibel sind, wobei spätestens mit den Hauptpunkten dieses noch deutlicher wird:

„Unsere Hauptpunkte sind folgende:

1.Es soll zur Kenntnis genommen werden, daß unsere Nation abgesehen von den Verfolgungen durch den Blut-Sultan Abdul-hamid in der Zeit um 1895 im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl mehr als jede andere Nation gelitten hat, deren Schicksal es war, dem grausamen Schwert der Türken und den Dolchen ihrer Spießgesellen, der Kurden, zum Opfer zu fallen, was aus der beigefügten Liste ersehen werden kann, die die Anzahl unserer ermordeten Landsleute mit 90 000 Syrern und 90 000 Nestorianern beziffert“[9]

Schon an diesem ersten Punkt wird das Erwecken des Nationalgefühls, dass durch die Kirche entstanden ist, ersichtlich. Daneben wird deutlich, dass Sultan Abdulhamid II., der angeblich 1892 300.000 syrische Christen in Afghanistan zum Islam konvertiert hat, wegen dem Patriarchat in Mardin, an dieser Stelle als „Blut-Sultan“ bezeichnet wird, weshalb hier eine enge Beziehung zwischen Kirche und Sultan ausgeschlossen werden kann. Daneben muss stark bezweifelt werden, dass es im Jahre 1892 noch 300.000 syrische Christen in Afghanistan gab, geschweige denn, dass diese Anhänger des Patriarchen von Turabdin in Salah gewesen waren, und deswegen zum Islam konvertiert sind. Bischof Mor Philoxenus Yuhanon Dolabani erwähnt in seinem Buch über das Kloster Mor Yakup in Salah, dass die Bistümer Qartmin, Hah (oder Deyro du Slibo), Beth-Rishe (Mor Malke), Sargall, Mor Kuryakus, Bsheriye und Midyat, dem Patriarchen von Salah folgten, während andere Orte, wie Indien oder Afghanistan, ebenso nicht erwähnt werden, wie eine Missionstätigkeit des Patriarchat von Turabdin.[10] Darüber hinaus verweist Jan Bet-Sawoce darauf, dass es nach Einheitsversuchen zwischen den beiden Patriarchen immer noch Spannungen gab, aber eher stellt ich die Frage, warum sollte es, wenn überhaupt, in Afghanistan zu Querelen und Priestermangel gekommen sein, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ja dort, nach Jan Bet-Sawoce, angeblich 300.000 Christen gab, und nicht in anderen Orten? Und warum wird Afghanistan von syrischen Gelehrten, wie etwa Yuhanon Dolabani nicht erwähnt?

Darüber hinaus soll nun auf dem 3. Hauptpunkt des Memorandums Ephrem Barsoums ein Augenmerk gelegt werden, in dem steht:

„3. Wir ersuchen die Friedenskonferenz dringend, bei der Behandlung der türkischen Verbrechen, nicht zu vergessen, auch die unschuldigen Syro-Chaldäer miteinzubeziehen, die niemand revolutionärer Bewegungen bezichtigen kann. Wir fordern daher die Abtrennung der Wilayets Diarbekr, Bitlis und Urfa vom türkischen Joch.“[11]


Spätestens an dieser Stelle wird ersichtlich, dass die Kirche, geschweige den der damalige Patriarch, in dessen Name dieser Brief verfasst worden ist, jemals ein Freund bzw. Helfer der Türken gewesen sein kann. Aufgrund des zitierten Auszuges des neuen Dokuments von Jan Bet-Sawoce wird nur ersichtlich, dass die Türkei die Absicht hatte, den Patriarch zu bestechen, aber ob dieser Versuch geglückt ist, ist eine andere Frage und wird aufgrund der genannten Quelle nicht ersichtlich. Auch stellt sich die Frage, wenn der Patriarch wirklich Lohn von den Türken erhalten hat, warum er ausgerechnet die genannten Punkte einfordert und vor allem sich für die Abtrennung „der Wilayets Diarbekr, Bitlis und Urfa vom türkischen Joch“ einsetzt und die türkische Regierung als Joch bezeichnet? Auch muss die Frage gestellt werden, warum der Patriarch sich jahrelang in Flucht begab und so letztlich nicht mehr nach Mardin, seiner Heimatstadt, zurückkehren konnte und so in Indien verstarb? Im März 1920 hat der Delegierte des Patriarchen von Antiochien, wiederum Bischof Mor Severius Ephrem Barsoum, noch einmal in einem weiteren Brief alle genannten Forderungen unterstrichen und sein Protest gegen die getroffenen Entscheidungen kundgetan:

1. Wir protestieren gegen jede Entscheidung, die der Hohe Rat hinsichtlich einer erneuten Hoheitsgewalt der Türkei über die Gebiete des Oberen Tigris und Euphrat einschließlich Diarbekr, Mardin und Urfa treffen sollte.
3. Wir verlangen Wiedergutmachung für die zerstörten Kirchen und die hungernden Witwen und Waisen.[12]


Aufgrund dieser beiden Dokumente wird eindeutig klar, dass es nicht sein kann, dass ein Geistlicher Mittäter bzw. Sympathisant dieses Völkermord an seinem eigenen Volk sei.
Daher fordere ich die Leser auf, auf Texte, die die syrische Kirche verunglimpfen und in einem besonders negativen Licht darstellen, wie den von Augin Kurt verfassten Text, nicht voreilige Schlüsse zu ziehen. Die Kirche ist die einzige Institution, die wahrhaft ihre Mitglieder versucht hat zu beschützen und so die nationalen Rechte eingefordert hat, wie oben beschrieben.
An dieser Stelle muss die Frage gestellt werden, ob Jan Bet-Sawoce, Özcan Kaldoyo, Jacob Rohyo und Augin Kurt wirklich die Wahrheit ans Licht bringen wollen oder ob sie eine Unsicherheit im christlich-syrischen Volk beabsichtigen wollen?
Meiner Meinung nach ist jemand, der aus zwei Versatzstücken so eine starke These ableitet, nicht an die Wahrheit interessiert, und sucht dementsprechend nur einen Punkt, um die Institution Kirche zu schwächen.


Simon Birol,
Theologie- und Geschichtsstudent
der WWU Münster




Quellen:

1 Vgl. http://seyfocenter.se/index.php?sid=2&aID=133 (Stand: 18.02.2010)
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. ebd.
4 Vgl. HENNO, SLEMAN: Die Verfolgung und Vernichtung der Syro-Aramäer im Turabdin 1915. 1987. Übersetzt aus dem Syro-Aramäischen ins Deutsche von Amill Gorgis und Georg Toro. Mit einer Einleitung von Erzbischof Julius Yeshu Cicek, einem Vorwort des Herausgebers Amill Gorgis und einem Beitrag von Tessa Hofmann. Glane/Losser (Niederlande), 2005.
5 Vgl. ebd.
6 Ebd. S. 90.
7 Vgl. http://siriacaort-santamaria.org.br/jornalsuryoye/suryoye16.pdf (Seite 22); s. auch: http://www.urhoy.info/interview-ghattas2.html
8 YONAN, GABRIELE: Kann Istanbul für syrisch-orthodoxe Christen aus dem Turabdin eine inländische Fluchtalternative sein? ZDWF – Schriftenreihe Nr. 32, April 1989.
9 Ebd.
10 DOLABANI, YUHANUN: History of St. Yakub of Saleh, 44-73, St. Afrem’s printing house, Lebanon 1973.
11 YONAN, GABRIELE: Kann Istanbul für syrisch-orthodoxe Christen aus dem Turabdin eine inländische Fluchtalternative sein? ZDWF – Schriftenreihe Nr. 32, April 1989.Yonan
12 Ebd.

Auf Wunsch von Simon Birol wird Beitrag veröffentlicht

  
Kommentare
Gedenktag
Shlomo Gaboro,
ganz ehrlich ich habe bis heute nichts davon gehört. Aber ich wurde es begrüßen, wenn unsere Kirche diese Schritt wagen wurde. Denn die Ermordeten Suryoye während des Seyfo sind im Namen der Syrisch Orthdoxen Kirche von Antiochien getötet worden.

Schlome
26-02-2010, 18:41:39 | Hiro
Antwort
@Hiro:
Die Kirche will seit Jahren einen Gedenktag für die Opfer des Seyfos einrichten, aber sie weiß nicht wann und hat sich schon in mehreren Sendungen an das Volk gerichtet. Vorschläge waren der 24.4., der nichts mit den Völkermord zu tun hat, sondern der Beginn des Armenier-Völkermords war, oder einfach den schon bestehenden Tag der Märtyrer. Da der Beginn des Völkermords nicht an einem Tag festlegbar ist, stelle ich mir die Entscheidung sehr schwierig vor.
Vielleicht wird im diesem Jahr ein Tag ja eingerichtet. Aber die Kirche bezieht öffentlich zum Thema Seyfo von oberster Stelle Stellung.
25-02-2010, 11:58:44 | Gaboro
Anschuldigungen- falsch oder richtig?
Ich bin auch kein Freund von falschen Anschuldigungen und finde es auch voreilig in dieser Form „alles in den Dreck zu zeihen“. Aber eine Frage habe ich doch: Warum verhält sich die Kirche bei der Seyfo-Frage so verdächtig? Sie schweigt. Sie gedenkt nicht einmal der im Namen dieser Kirche ermordeten Priester, Bischöfe und Schamosche warum eigentlich nicht? Sind sie nichts Wert? Diese Fragen müssen doch erlaubt sein.
24-02-2010, 21:38:04 | Hiro


DruckenDrucken | 24-02-2010, 10:44:00 | Admin

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