Home  |    Artikel  |    News  |    Shop (Bücher/CDs)  |    Forum  |    Links  |    Kontakt  |    Gästebuch
Sie befinden sich hier:  Startseite / Artikel / Christen im Irak
`Wir brauchen ein starkes Rückgrat`
Irakische Christen in den kurdischen Autonomiegebieten (Von Jan Kuhlmann)

Die Gewalt im Irak führte zu einem Massenexodus der Christen. Viele flüchteten in die kurdischen Gebiete im Norden des Landes. In Erbil leben die Christen wesentlich sicherer und freier als in den anderen Teilen des Irak. Und doch: Auch hier fühlen sich viele von radikalen Muslimen bedrängt.

Ein Nachmittag in der kurdischen Stadt Erbil im Norden des Irak. Jeden Tag um 17 Uhr läuten die Glocken der chaldäisch-katholischen Kirche St. Joseph. Das imposante Gebäude aus den Siebziger Jahren erinnert an einen babylonischen Tempel. Eigentlich soll es um 17 Uhr eine Andacht geben. Der Wächter an der Tür aber weist fremde Besucher ab. Nein, sagt er, Zutritt verboten. Begründen will er das nicht. Stattdessen holt er eine Maschinenpistole und marschiert mit ihr demonstrativ über den Bürgersteig. Erbil ist die Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete im Irak. Hier leben die Christen sicherer als im Rest des Landes - und doch halten sie sich nach außen hin bedeckt. Über ihre Lage reden viele ungern offen.

Gesprächiger ist ein 55 Jahre alter Mann mit dunklem Haar und einem schmalen Schnurrbart - ein Schreiner, der gerade mit einem Kollegen ein altes Sofa zerlegt. Seine kleine Werkstatt liegt in Ankawa, dem christlichen Stadtteil Erbils. Er ist assyrischer Christ, stammt eigentlich aus der irakischen Stadt Mosul und ist vor einigen Jahren in die kurdischen Gebiete gezogen. Gewalt und Terror gegen Christen - auch der Schreiner kann davon berichten. Schiitische Muslime hätten in Bagdad seinen Neffen entführt.

"Wir sind an den Rand gedrängt. Wir brauchen ein starkes Rückgrat. Die Amerikaner sind gekommen und haben den Islam gegen uns gestärkt. Wir sind am Ende, mit dem assyrischen Volk ist es vorbei. Wir sind in alle Richtungen verstreut und leben im Schutze Kurdistans oder irgendwelcher anderen Orte. Aber eine sichere Zukunft gibt es für uns nicht."

In den kurdischen Autonomiegebieten fühlten sich die Christen mehr oder weniger sicher - zumindest bis Ende vergangenen Jahres. Da griff ein muslimischer Mob in der kurdischen Stadt Zakho christliche Läden an, die Alkohol verkauften. Der Schreiner ist noch immer empört.

"Wenn du einen Laden aufmachst, in dem du Alkohol verkaufst, sprengen sie ihn in die Luft. Die schicken Leute, die eine Bombe hochgehen lassen. Sie haben auch das Geschäft meines Neffen angezündet, weil er Alkohol verkaufte. Wo ist die Demokratie' Wo ist die Freiheit' Die Muslime gehen gegen den Verkauf von Alkohol vor und trinken selbst. Das ist das Problem."

Es gibt nicht allein religiöse Differenzen. Die Kurden besitzen eine eigene Identität mit eigener Geschichte und Sprache. Sie bestimmen Politik, Verwaltung und Wirtschaft in den Autonomiegebieten. Die Christen dagegen sind Araber. Viele von ihnen können nicht einmal Kurdisch. Im Alltag sprechen sie Arabisch oder das fast ausgestorbene Syrisch, das vom Aramäischen abstammt. So wie der Schreiner berufen sich viele darauf, dass die Christen lange vor dem Islam in der Region lebten.

"Das hier ist doch eigentlich christlicher, assyrischer Boden. Ich möchte einen assyrischen Staat, der den Islam von hier fortjagt. Die sollen da hin gehen, wo sie hergekommen sind. Wir wollen endlich in unserem Land leben, im Land unserer Vorväter, deren Gebeine hier begraben liegen."

Schwierig ist die Lage für viele Christen in den Kurdengebieten auch, weil sie keine Arbeit finden. Trotzdem geht es ihnen vergleichsweise gut. Die kurdische Autonomieregierung unterstützt die christlichen Gemeinden mit Geld - von 50 Millionen US-Dollar im Jahr ist die Rede.
Auch der Bau von Kirchen ist gestattet. So wie in diesem Baugebiet am Stadtrand von Erbil. Walid Qatan ist hierher gekommen, um einen Blick auf einen Rohbau zu werfen. Ein gewisser Stolz ist ihm anzumerken, wenn er über das künftige Gebäude seiner Gemeinde spricht. Hier soll bald die neue syrisch-orthodoxe Kirche eingeweiht werden: oben ein großer Saal für Gottesdienste, unten Räume für Feiern und andere Aktivitäten. Hier entstehe neues christliches Leben, sagt Walid Qatan.

"Das ist so, als wenn du endlich ein eigenes Haus hast. Diese Kirche gehört uns allein. Hier wird die Gemeinde vereinigt, sodass wir unabhängig leben können. Hier gibt es keinen Einfluss von außen."...

Weiterlesen auf www.dradio.de

 

Drucken | review | 08.05.2012, 09:50 | Nebu
  
Infoleiste



Relevante Artikel



Kommentar schreiben
Sie besitzen nicht die Berechtigung, Kommentare abzugeben.







Mai 2013
Mo Di Mi Do Fr Sa So
 29  30 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31  1  2