Verwackelt sind viele Bilder aus Syrien, Schüsse und Schreie begleiten die teilweise undurchsichtige Nachrichtenlage im Fernsehen. In Altenbergen, in dem im Frühjahr gegründeten Kloster der antiochenisch syrisch-orthodoxen Kirche, beobachtet auch Metropolit Severius besorgt die Ereignisse des Bürgerkrieges.
Altenbergen. "Wir erreichen unsere Verwandten nur sehr schwierig", sagt der 31-Jährige, der mit 26 Jahren die Weihe zum Bischof erhielt. Er selbst wurde in Bayern geboren, doch Cousins leben in Syrien. "Wir versuchen, jede Information zu bekommen, die wir kriegen können", so der Metropolit der orthodoxen Kirche. Erst vor einigen Tagen hatte er Kontakt zu Gläubigen aus dem Norden von Syrien. Sie berichteten ihm, dass die Lebensmittel und finanziellen Mittel knapp werden, auch Öl sei Mangelware.
"Syrien war neben dem Libanon bisher eines der Länder im Nahen Osten, in denen es den Christen gut ging", sagt der Bischof. Die religiöse Minderheit habe ihren Glauben ausleben können und wurde nicht verfolgt. Bei einem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad könnte sich dies ändern. Ähnlich wie in Ägypten, befürchtet Metropolit Severius, könnten fundamentalistischere islamische Gruppierungen Einfluss gewinnen. Und die christliche Minderheit stünde zwischen den Fronten.
"Natürlich ist Assad kein Heiliger, aber er ließ die Christen sicher leben", sagt Metropolit Severius. Mit dem Bürgerkrieg werde der Hass genährt - und damit, so sorgt sich der christliche Geistliche, auch jener radikaler islamischer Strömungen auf die religiösen Minderheiten. Vielen bleibe auch jetzt nur die Flucht aus Syrien, oftmals in den benachbarten Libanon. "Christen in Syrien sind meist nicht reich. Wenn sie ihr Haus verlassen, sind sie obdachlos", sagt Metropolit Severius. Hilfe, beispielsweise finanzieller Art, sei durch die kontrollierten Banken schwer möglich.
Flucht und Vertreibung begleitet die altorientalische Kirche, die sich als eine der ersten im 3. Jahrhundert in Jerusalem gründete. "Wir sind eine gebrandmarkte Kirche", sagt Severius. 1915 verloren Tausende durch den Völkermord türkischer und kurdischer Truppen im Osmanischen Reich ihr Leben. Unruhen und Verfolgungen führten dazu, dass die syrisch-orthodoxen Christen in den vergangenen Jahrzehnten die Türkei verließen. Auch den Irak verließ die christliche Minderheit wegen Bürgerkriege und Verfolgungen.
Von Altenbergen aus betreut Metropolit Severius nach eigenen Angaben rund 150.000 Gläubige in Europa. Er reist viel, während zwei Mönche und ein Novize das im Aufbau befindliche Kloster betreuen. Klare Rituale wie Gebetszeiten und gemeinsame stille Mahlzeiten begleiten den Tagesablauf.
Von außen sieht die ehemalige Ferienanlage mit mehreren Bungalows eher weltlich aus. Manche Inneneinrichtung erinnert noch an die vergangene DDR. Doch neben den Holzvertäfelungen an den Wänden und Decken und den kristallenen Lampen stechen jedoch zahlreiche Ikonen heraus. Die Heiligenbilder sind ein wichtiger Bestandteil der syrisch-orthodoxen Kirche. Die bisher kargen Außenwände der zukünftigen Gotteshalle will der Metropolit mit Ikonen verschönern, um dem Besucher beim Eintreffen auf den geistlichen Ort aufmerksam zu machen.
Noch laufen die Umbauten. 28 Zimmer werden derzeit renoviert. Im kommenden Jahr soll das Kloster geweiht werden. Skeptische Blicke habe er bisher nicht erlebt, erklärt Metropolit Severius. Vielmehr würde das Kloster immer öfter von Gläubigen und Neugierigen aufgesucht. Vor drei Wochen gab es die erste Taufe, eine erste Eheschließung steht bevor. Anfänglich waren in der näheren Umgebung keine Gläubigen ansässig, nun seien 20 Personen an einer Taufe interessiert.
Dass er Thüringen als zentralen Mittelpunkt für den Deutschlandsitz der antiochenisch syrisch-orthodoxen Kirche auswählte, hatte einen seelsorgerischen Grund. "Ich hatte in einer Statistik gesucht, wo viele kirchliche Unbeheimatete leben", sagt der Bischof lächelnd. Gerade für diese will er da sein. Für die Zukunft in Syrien und in anderen Teilen der Welt wünscht er sich vor allem eines: "Miteinander leben, ohne sich die Köpfe einzuschlagen."
Metropolit Severius:
Feste Rituale begleiten die Geistlichen im Kloster St. Gabriel der antiochenisch syrisch-orthodoxen Kirche. Metropolit Severius ist der oberste Bischof in Europa. Mit zwei Mönchen und einem Novizen leitet er das neu geschaffene Kloster in Altenbergen.
http://www.tlz.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Kaempfe-in-Syrien-Orthodoxer-Bischof-in-Thueringen-besorgt-461535424
Drucken | review | 09.08.2012, 18:14 |
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